Thesen des Vortrags
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Ich würde das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Ideologie und Praxis des existenziellen Humanismus definieren, der die wirtschaftliche Unterstützung eines Menschen infolge der Tatsache seiner Existenz bedeutet. Wie beeinflusst dies die Persönlichkeit? Befreit es sie – oder, im Gegenteil, versklavt das BGE? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Für reife Persönlichkeiten wirkt das Bedingungslose Grundeinkommen befreiend; Menschen, die sich noch entwickeln, wird die Freiheit genommen.
Wenn man die Persönlichkeit als Persönlichkeit versteht, die sich vor allem der Kreativität zuwendet und nicht dem Konsum, so bringt ein Bedingungsloses Grundeinkommen dieser Persönlichkeit sozial-existenzielle und psychologische Vorteile.
Erstens, die Möglichkeit, sich von der Hektik und Angst bei der Suche nach sich selbst zu befreien. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist die Möglichkeit jedem Mitglied einer Gesellschaft die Last der demütigen Hektik und Sorge zu nehmen, die Grundlage der Angst vor möglichem Elend ist. Das Bedingungslose Grundeinkommen macht den Menschen freier, selbstsicherer und trägt somit zur schöpferischen Entwicklung der Persönlichkeit bei.
Zweitens, die Möglichkeit, sich von der Notwendigkeit zu befreien, sich nur deshalb mit fremden Dingen zu beschäftigen, die dem eigenen Gewissen widersprechen, um sich und seine Familie zu ernähren. Das Bedingungslose Grundeinkommen wird zur Möglichkeit, den Widerspruch zwischen den Fähigkeiten des Menschen und seiner realen Arbeit aufzulösen.
Und letztlich drittens, die Möglichkeit, sich von der Einsamkeit und Entfremdung der Marktgesellschaft zu befreien. Das Bedingungslose Grundeinkommen kann den Menschen von der Einsamkeit befreien, indem die solidarische Einheit von Persönlichkeit und Gesellschaft erlebt wird. Dies trifft besonders auf Persönlichkeiten selbständiger Unternehmer zu. Doch der freie Unternehmer veräußert die Tatsache seiner Existenz durch das Ergebnis seines Schaffens über seine Konkurrenten, als auch Konsumenten. Das Bedingungslose Grundeinkommen weicht die Beziehung zur Welt als Rohstoff- und Warenmix auf, sowie zu anderem, wie Konkurrenten oder Objekten der Manipulation.
Gerade diese drei Aspekte zur Befreiung des Menschen erlauben es, das BGE als Theorie und Praxis des existenziellen Humanismus zu bezeichnen.
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Deshalb kann die Umsetzung eines Bedingungslosen Grundeinkommens zum Katalysator werden, um die moralische Beziehung zwischen den Menschen zu verbessern.
Doch ein Bedingungsloses Grundeinkommen kann diese Beziehung zu sich und der Welt gleichfalls zerstören. Die Rede ist von existenziellen Gefahren bei der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, die dann auch zu sozialen Gefahren werden.
Erste Gefahr: Der Verlust des Arbeitswillens für Menschen des täglichen Lebens, die nur aufgrund den Werten der Selbsterhaltung und Fortpflanzung leben. Für diese Menschen, die man zwar als physisch, aber nicht als psychisch reif bezeichnen kann, kann die Zahlung eines Bedingungslosen Grundeinkommen, das zum Leben ausreicht, zur „Endlosschleife“ auf diesem Einkommen führen. Das Ergebnis wäre eine Armee aus Menschen, die den Impuls verlieren, sich in der Gesellschaft zu verwirklichen, weil dieser Impuls für geistig und seelisch unreife Persönlichkeiten immer von außen kommt.
Zweite Gefahr: Freiheitsverlust durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen wegen Bewusstseinsmanipulation. Eine regelmäßige Geldzahlung, das nicht verdient wurde, kann bei einer Reihe unreifer Menschen zum einen ein unterbewusstes Schuldgefühl wecken, und zum anderen das Streben, sie zu manipulieren. Eine dieser Manipulation kann zum Beispiel einen religiösen Charakter tragen und damit die Unreife und Abhängigkeit der Persönlichkeit um ein Vielfaches verstärken.
Diese Gefahren können die einfache Schlussfolgerung nach sich ziehen: Die Abwesenheit von Kreativität bei einem Menschen verwandelt das Bedingungslose Grundeinkommen in Gift. Mit anderen Worten: Bei jeder Freiheit der Berufswahl ist der Beruf des reinen BGE-Empfängers unmöglich.
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Das Gesagte führt uns zu einem Widerspruch.
Auf der einen Seite soll das Bedingungslose Grundeinkommen nicht geringer sein, als das Existenzminimum und nicht von den regionalen, sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden der Menschen abhängen, weil es sonst kein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre. Mit anderen Worten: Die Differenzierung des BGEs zerstört das BGE. Das Bedingungslose Grundeinkommen soll Menschen verbinden und nicht trennen, was unweigerlich passieren würde, wenn man damit beginnt, sie zu unterscheiden.
Auf der anderen Seite darf das Bedingungslose Grundeinkommen nicht differenzieren. Wenn geistig entwickelte Menschen eine bedeutende Summe als Stipendium zur kreativen Entwicklung ihrer Persönlichkeit erhalten können, so wirkt die gleiche Summe bei „alltäglichen Menschen“ mit einer „alltäglichen Weltanschauung“ als Verlust der Lebensfülle und Entzug der Stimulation zum persönlichen Wachstum.
Wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden? Eine der Antworten auf diese Frage kann eine intensive philosophische und ideologische Begründung der Idee und Umsetzung des Bedingungslosen Grundeinkommens als Finanzhilfe sein, die nicht als Einkommen im eigentlichen Sinne des Wortes verstanden wird, sondern als gewisser Vorschuss der Persönlichkeit und deren Reserve, als „wirtschaftlicher Fallschirm“, der jedem garantiert wird, aber auch Kreativität fordert. Dann ist das Bedingungslose Grundeinkommen, das, wie wir gesehen haben, ein existenzieller und psychologischer „Fallschirm“, der eine befreiende Wirkung hat, die sich nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern bei der ganzen Gesellschaft zeigt. So wird die Theorie und Praxis zum wahren existenziellen Humanismus.
Nazip Khamitov ist Doktor der Philosophie, Schriftsteller, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des philosophischen Instituts (Kiew, Ukraine), Gründer der Meta-Anthropologie – Lernen über das alltägliche, höchste und darüber gehende Dasein des Menschen. Autor von mehr als 20 Büchern, darunter die Bekanntesten: „Philosophie: Sein, Mensch und Welt“, „Einsamkeit von Frauen und Männern“, „Aphorismen der Kraft“, „Ethik: Weg zur Schönheit der Einstellung“ (letztgenanntes zusammen mit Swetlana Krylova).





