Migration und globale Sozialsicherungssysteme
Ein Grundeinkommen auf Nationalstaatlichem Niveau zu betrachten, bringt das Problem mit, dass dieser Staat wie ein Magnet für Menschen wirkt, die in ärmeren Situationen leben und kaum Chancen sehen, sich aus ihrer Lage zu befreien. Dabei geben viele Staaten viel Geld aus, um ihre Grenzen gegen die Einwanderungsströme zu schützen.
In den USA gibt es Überlegungen, die Ausgaben für die Grenzsicherung zu Mexiko besser und sinnvoller zur Stärkung der Wirtschaft und Infrastruktur in den mexikanischen Grenzregionen auszugeben, um den Migrationsfaktor abzuschwächen. Dies kann als Ansatz eines globalen Sozialsicherungssystems gesehen werden. Namibia ist ein weiteres Beispiel dafür. Gleiches wäre für die Europäische Union an den osteuropäischen Grenzen denkbar.
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Globale Arbeitsmarktentwicklung
Jean Fourastié (1954) unterschied drei Phasen der historischen Beschäftigungsentwicklung, die die Geschichte der Arbeit maßgeblich prägten. Die erste Phase einer „traditionellen Zivilisation“ assoziierte er in etwa mit dem Entwicklungsstand in Europa im frühen Mittelalter. Sie war dadurch bestimmt, dass in ihr zirka 70 Prozent der Bevölkerung ihren Lebensmittelpunkt und ihre Lebensgrundlage in der Landwirtschaft, im so genannten primären Sektor fanden. Zirka 20 Prozent waren damals mit den Vorformen dessen beschäftigt, was einmal zur Industrie, also zum sekundären Sektor der Beschäftigung werden sollte. Und maximal 10 Prozent waren mit Organisation, Administration, Infrastruktur und den sonstigen Vorformen dessen beschäftigt, was heute Dienstleistung oder tertiärer Sektor genannt wird.
In der zweiten von Fourastié beschriebenen Phase begann die Industrie dem Land Arbeitskräfte zu entziehen. Auch die Landwirtschaft wurde allmählich „industrialisiert“, sprich automatisiert und rationalisiert. In ihr fanden nur mehr um die 20 Prozent der Bevölkerung Arbeit. 50 Prozent arbeiteten nun in der Industrie. Und bereits 30 Prozent waren in Berufen tätig, die die Industriearbeit flankierten. Und in der dritten Phase, der „tertiären Zivilisation“, wuchs der Dienstleistungsbereich auf 70 Prozent der Beschäftigung an. Weniger als 10 Prozent wurden noch in der Landwirtschaft benötigt und nur mehr zirka 20 Prozent in der Industrie.
Aus heutiger Sicht weist das von Fourastié gezeichnete Bild einige Unschärfen auf. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft beispielsweise beträgt in Westeuropa vielerorts nur mehr zwischen drei bis vier Prozent. Und der Dienstleistungssektor hat sich seinerseits in einer Weise differenziert, die viele von einem quartiären Sektor der Wissensarbeit sprechen lässt. Aus heutiger Sicht kann Fourastiés grobes Schema als frühe Projektion einer im Entstehen begriffenen „postindustriellen Gesellschaft“ gesehen werden (Bell 1973). Trotzdem führt es deutlich vor Augen, was in den 1930-er Jahren noch keineswegs Allgemeingut war, nämlich dass neben Landwirtschaft und Industrie noch andere Arbeitsformen „produktiv“, vor allem aber von sozialer Bedeutung sein können. Erst mit den Diskussionen um die Dienstleistungsgesellschaft wurde auch die Ökonomie auf die Bedeutung weiterer Faktoren zur Analyse wirtschaftlicher Zuwächse aufmerksam und fasste unter anderem Technik und wissenschaftliche Forschung – zunächst noch als Residualkategorien, mehr und mehr dann aber auch als zentrale Produktionsfaktoren – ins Auge. Als Konsequenz werden heute Wissen, Organisation, Innovation, Research and Development und mehr und mehr auch die öffentliche Meinung als ähnlich wichtige Faktoren angesehen wie einstmals Landbesitz, Arbeit und Kapital.
Bedürfnisse
In der ersten Phase dominiert deutlich erkennbar die Landwirtschaft, eine Arbeitsform also, die zum einen den sozialen Schutz der in ihr Tätigen gleichsam als integralen Bestandteil selbst gewährleistet und zum anderen einen sehr großen Teil der Gesellschaft in weitgehend ähnlichen Lebens- und Daseinsverhältnissen verortet. Für soziales Auskommen und Bedürftigkeiten sorgt in der traditionellen Landwirtschaft die Hof- und Dorfgemeinschaft. Und dieses Auskommen gestaltet sich für die meisten Gesellschaftsmitglieder ähnlich. Individuelle Lebensentwürfe und damit außerordentliche Schicksale, Interessen oder Bedürfnisse sind eher selten.
In der zweiten Phase des Schemas, also zu Hochzeiten der Industrie, wird die staatliche Gewährleistung von sozialem Schutz zur Notwendigkeit. Die elementaren Einheiten der Großfamilie, des Hofes und des Dorfes können das Auskommen im Fall von Arbeitsunfähigkeit immer weniger sichern. Trotzdem ähneln sich die Lebensentwürfe ebenso wie die Bedürfnislagen der in der Industrie Tätigen weitgehend. Die Arbeiterschaft betrachtet sich vorerst auch in westlichen Industrienationen noch als weitgehend homogene Klasse. Die in der Landwirtschaft Tätigen beziehen sich zum einen auf ihre traditionellen Schutzformen; zum anderen unterscheiden sich ihre Bedürfnisse noch nicht allzu sehr von denen der Arbeiter. Der allmählich anwachsende Dienstleistungssektor, den die Industriearbeit nach sich zieht, fällt noch nicht so deutlich ins Gewicht, lässt aber mit Personal wie dem „Verwaltungsbeamten“ oder dem „Angestellten“, dem sich alsbald erste sozialwissenschaftliche Studien widmen (u. a. Kracauer 1929/1971), bereits erkennen, dass sich hier eine eher heterogene Schicht bildet, die zunehmend auf Individualismus setzt und damit immer weniger über gemeinsame Lebensentwürfe und ähnliche Bedürfnislagen verfügt.
In der dritten Phase des Schemas ist diese Gruppe dominant geworden. In ihr tummeln sich die bekannten Existenzen der modernen, primär dienstleistenden urbanen Gesellschaft, die sich, zusammengewürfelt aus Beamten, Lehrern, Ärzten, Unternehmern, Managern und „Neuen Selbstständigen“, nur mehr dadurch als Einheit auszeichnet, dass sie keine Einheit mehr hat, dass ihre Mitglieder explizit auf die Individualität ihrer Lebenskonzepte setzen und damit mit höchst unterschiedlichen Bedürfnissen und Motiven an ihre Arbeit herangehen.
Um ihren sozialen Schutz zu gewährleisten steht allerdings noch nichts anderes zur Verfügung als der nationalstaatlich organisierte Sozialstaat, der im Kontext der Industrialisierung entstanden ist. Wenig überraschend stößt er auf Probleme, den höchst unterschiedlichen Bedürfnislagen in der Moderne mit Kategorien zu begegnen, die für eine relativ homogene Gruppe von Arbeitern geschaffen worden sind.





