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Bedingungsloses
Grund-
Einkommen

Deutschland

Herr Dilthey, wie kamen Sie zum Grundeinkommen und wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema?

In den frühen 1980er Jahren setzte ich mich im Rahmen eines "politischen Stammtisches" mit Fragen der Wertschöpfung und Automation auseinander. Bereits damals gelangten wir zu der Erkenntnis, dass der Arbeitslohn zumindest teilweise eine Umverteilung der betrieblichen Wertschöpfung darstellt. Durch die schnelle Zunahme der Produktivität konnte schon damals der Arbeitslohn seiner Umverteilungswirkung nicht mehr ausreichend nachkommen. So mündeten unsere damaligen Überlegungen darin, eine "Wertschöpfungsabgabe" einzuführen, deren Erträge als "Einkommens-Sockel" den Menschen zukommen sollte, um die Umverteilungswirkung des Arbeitslohns zu unterstützen.

In den 1990er Jahren trieb mich die "Soziale Frage" dazu (also hohe Arbeitslosigkeit, Verarmung breiterer Schichten der Bevölkerung und die sich immer weiter öffnende Einkommensschere bei gleichzeitig steigendem Brutto-Inlandsprodukts), geeignete Gegenkonzepte zu entwickeln. Im Gegensatz zu den früheren Konzeptionierungen, bei denen eher volkswirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund standen, lagen diesmal sozialpolitische und soziologische Problemlösungen an erster Stelle.

Mir war daran gelegen ein Sozialsystem zu entwickeln, das sowohl bei Vollbeschäftigung als auch bei extrem hoher, automationsbedingter Arbeitslosigkeit funktioniert, ohne übermäßige soziale Spannungen aufzuwerfen.

Ein Modell dazu gab es bereits zur Jahrtausendwende, allerdings nur fragmentiert und lediglich auszugsweise veröffentlicht.

Die von den Regierungen weltweit durchgesetzten Einschränkungen der Freiheitsrechte (auch unter dem Deckmantel der Terror-Bekämpfung) sowie die einseitig auf Erwerbsarbeit ausgerichteten Bildungs- und sozialen Fördermaßnahmen führten dazu, zusammen mit Jörg Drescher das Konzept eines "emanzipatorischen Sozialstaat" bzw. einer "jovialen Gesellschaft" zu entwickeln.

Seither sehe ich das Grundeinkommen als unabdingbares Werkzeug zur Emanzipation der Menschen. Unter Emanzipation verstehe ich, dass die Gesellschaft den Einzelnen dahingehend erzieht, mit den von ihr gewährten Freiheiten umzugehen. Dies drückt sich auch im Titel meines Modellvorschlags aus, der sich nur geringfügig zu früheren Ansätzen unterscheidet:

"Das Dilthey-Modell zur Ausgestaltung eines emanzipatorischen Grundeinkommens"

Wie hat sich die Diskussion aus Ihrer Sicht in Deutschland entwickelt?

Sieht man einmal davon ab, dass die Idee eines Grundeinkommens weit in die Vergangenheit zurückreicht und diese Gedanken nicht auf Europa beschränkt sind, so wurde die in Deutschland von Vordenkern geführte Diskussion über ein Grundeinkommen durch die Wiedervereinigung 1989 überschattet. Auch zeigte das staatliche Investitionsprogramm "Aufbau Ost" kurzzeitig positive konjunkturelle Wirkung in Richtung Vollbeschäftigung, wodurch die Diskussion über ein Grundeinkommen stark gebremst wurde.

Als das "Netzwerk Grundeinkommen" 2004 von politisch linken und grünen Kräften gegründet wurde, standen dort hauptsächlich die als Sozialhilfe-Ersatz geprägten Transfergrenzen-Modelle von Prof. Helmut Pelzer, sowie die Transfergrenzen-Derivate von Dieter Althaus (CDU), der KAB und der Linkspartei zur Debatte. Eine ernsthafte Diskussion über ein Grundeinkommen mit emanzipatorischen Charakter wird dort bis heute nicht geführt.

2005 überraschte Prof. Götz Werner als Einzelkämpfer die Grundeinkommensszene, indem er mit einer groß angelegten PR-Kampagne (es wird von rund einer halben Mio. Euro Kosten geredet) ein Grundeinkommen bewarb, das emanzipatorische Ansätze aufwies. Mittlerweile ist Götz Werner von seinen emanzipatorischen Ansätzen abgerückt und hat sich dem Sozialhilfe-Ersatzmodell von Dieter Althaus stark angenähert.

Oberflächlich gesehen war die Kampagne ein großer Erfolg, denn es gelang Götz Werner, eine breite öffentliche Diskussion in den deutschsprachigen Ländern anzustoßen. So gründeten sich viele regionale, parteiübergreifende und unabhängige Grundeinkommensinitiativen. Zur jetzigen Bundestagswahl ließen sich sogar einige Direktkandidaten mit Schwerpunkt Grundeinkommen aufstellen.

Wie beurteilen Sie den "medialen Hype", den Götz Werner durch seine Anzeigenkampagne ausgelöst hat?

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Götz Werner hat sehr viele Menschen in seinen Bann gezogen, die keine Unterschiede in den Modellen sehen können oder sehen wollen.

Mir wäre es lieber gewesen, zuerst die Idee einer jovialen Gesellschaft in die Diskussion einzubringen und das emanzipatorische Grundeinkommen als das darzustellen, was es auch ist: ein unabdingbares Werkzeug.

Jedoch wird das Grundeinkommen von Vielen als (persönliches) Allheilmittel verstanden, ohne die Auswirkungen auf die Gemeinschaft einzubeziehen. Erst das, was um das Grundeinkommen entsteht, macht die Welt in Verbindung mit einem Grundeinkommen ein gutes Stück lebenswerter!