Es dürfte bekannt sein, dass der Sozialismus und Kommunismus nicht erst durch Karl Marx „erfunden“ wurde, sondern dass es schon früher Überlegungen zu einer gerechteren und sozialeren Gesellschaft gegeben hat. Marx distanzierte sich davon, indem er (zusammen mit Engels) seine eigenen Überlegungen „wissenschaftlichen Sozialismus“ nannte, die allerdings von der Außenwelt schon mit dem Begriff „Marxismus“ umschrieben wurden. Gemeint ist die („wissenschaftliche“) Analyse der bürgerlichen Gesellschaft und der Voraussetzungen einer sozialistischen Entwicklung – bedingt durch die Lebzeit von Marx und Engels – im 19. Jahrhundert.
Heute – cirka 150 Jahre später – ist fraglich, ob die alleinige Beschäftigung mit den marxistischen Ideen ausreicht, um die bestehende Krise zu verstehen und nachhaltig zu lösen. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass der Marxismus von Lenin an die historischen Bedingungen der damaligen russischen Gesellschaft angepasst und in dem Projekt „Sowjetunion“ umgesetzt wurde, aber letztlich scheiterte.
Aus diesen Gründen lohnt es sich, die von Marx als „utopische Sozialisten“ genannten Denker vor ihm näher zu betrachten. Darunter zum Beispiel Charles Fourier (1772-1837) und Joseph Charlier (1816-1896).
Der Unterschied zu Marx besteht vor allem darin, dass sie den „Urkommunismus“ nicht wiederherstellen wollten, sondern eine gerechtere Verteilung forderten. So meinten sie, dass die „Zivilisation“ jedem einen Lebensunterhalt schuldet, der keine Möglichkeit hat, seine Bedürfnisse (durch Geld) zu befriedigen. So wurde die Idee eines garantierten Einkommens vorgeschlagen.
Während der Spruch „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ den Kommunismus beschreibt, kehrt die Idee eines Grundeinkommens diese Parole formal um: „Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“. Gemeint ist, dass zuerst die Grundbedürfnisse befriedigt werden sollen, damit jeder seine individuellen Fähigkeiten verwirklichen kann.
Die eigentliche Krise besteht heute im Prinzip darin, dass viele Menschen nicht über ausreichende Mittel verfügen, um ihre Grundbedürfnisse (gegen Geld) befriedigen zu können. Gleichzeitig stehen allerdings genug Waren zur Verfügung, doch nicht jeder kann seine Fähigkeiten (für Geld) als Arbeit verkaufen. Betrachtet man dazu noch den Sinn von Geld, fällt auf, dass es dazu dient, die Menge der Waren zu beschränken, die sich ein Einzelner (ohne Gegenleistung) nehmen könnte. Das Problem besteht also darin, dass zwar alle Menschen einen Grundbedarf haben, aber nicht alle über genügend Mittel verfügen, um wenigstens diesen Grundbedarf zu befriedigen.
Die kapitalistische Wirtschaft basiert dabei auf dem Prinzip quid pro quo – jemand, der etwas gibt, soll dafür eine angemessene Gegenleistung erhalten. Dies führte zu dem weiteren Prinzip do ut des – es wird nur noch gegeben, wenn man etwas dafür bekommt. Beide Prinzipien prägen die heutige kapitalistische Gesellschaft und führen jene Menschen in eine Krise, die nichts zu geben haben, bzw. das, was sie zu geben bereit sind, nicht mit einer Gegenleistung belohnt wird.
Die Idee eines Grundeinkommens bricht auf der einen Seite mit diesen Prinzipien, indem die Auszahlung an keine Gegenleistung gekoppelt ist, aber auf der anderen Seite hält sie diese Prinzipien innergesellschaftlich aufrecht, da Leistungen nur gegen Gegenleistungen erhältlich bleiben. Das heißt dann auch, dass sich jeder etwas zu seinem Grundeinkommen hinzuverdienen kann.
Was aber, wenn jemand soviel bekommt, dass er nicht mehr motiviert ist, sonstige Gegenleistungen (z.B. in Form von Arbeit) für Leistungen zu erbringen? Was, wenn sich eine solche Mentalität in der Gesellschaft breit macht und dadurch gar keine Leistungen mehr – selbst für hohe (geldliche) Gegenleistungen – erbracht werden?
An diesen Fragen ist zu bemerken, dass die Höhe des Grundeinkommens die Leistungsbereitschaft der (empfangenden) Menschen maßgeblich beeinflusst. Entsprechend gibt es Vorschläge, die Höhe des Grundeinkommens von der Gesamtleistung einer Bevölkerung abhängig zu machen und damit eine Selbstregulation von Angebot und Nachfrage einzuleiten. Leistet die Bevölkerung viel (Angebot steigt), erhöht sich das Grundeinkommen auf ein Niveau, das mehr Menschen dazu verleitet, nichts mehr zu leisten, wodurch die Gesamtleistung der Bevölkerung – und entsprechend die Höhe des Grundeinkommens, sowie das Angebot – sinkt, was wiederum mehr Menschen dazu bringt, etwas leisten (zu müssen), um die Nachfrage zu befriedigen.
Während die sozialistischen Länder das „Recht auf Arbeit“ in ihren Verfassungen verankerten, ist heute zu überlegen, ob es nicht sinnvoller wäre, jedem ein „Recht auf Einkommen“ durch den Staat zu garantieren. Die vorgestellten Prinzipien der (kapitalistischen) Gesellschaft sind tief verwurzelt, aber ein Grundeinkommen könnte sie mit den sozialistischen Ideen aussöhnen. Was würde Marx dazu sagen?





