Banner
 

Bedingungsloses
Grund-
Einkommen

Der Markt als Gott

In dem Artikel „Der Markt als Gott“, der im März 1999 in The Atlantic erschien, vergleicht der US-amerikanische Theologe Harvey Cox den Markt mit Gott. Er stellt fest: Die „Religion“ rund um die Marktwirtschaft hat ihre eigenen Mysterien, Rituale und Feiertage.

Wie der christliche Gott erscheint der Markt heute „allmächtig“, „allwissend“ und „allgegenwärtig“. Ökonomen, Geschäftsleute und Politiker bringen ihm eine entsprechende Ehrfurcht entgegen, denn die „unsichtbare Hand“, wie Adam Smith die Selbstregulation des Marktes nannte, füttert sie und kann sie jederzeit mit aller Kraft treffen.

Börsengurus analysieren die Befindlichkeit des Marktes mit demselben Vokabular, wie man einst die Stimmungslage von Göttern vorhersagen wollte. Die Nachrichten der Wall Street berichten über den launischen Willen des Marktes. So kann man jeden Tag erfahren, ob der Markt „ängstlich“, „erleichtert“, „nervös“ oder manchmal sogar in „Jubelstimmung“ ist.

Auf Grundlage dieser Offenbarungen fällen ehrfürchtige Anhänger kritische Entscheidungen. Wie die verschlingenden Götter des Altertums muss der Markt – treffend verkörpert mit einem Bullen oder Bären – unter allen Umständen gütig gestimmt werden.

Die Wahrsager und Propheten der Marktlaune sind die Hohepriester seiner Mysterien. Gegen ihre Mahnungen zu handeln, heißt, eine mögliche Verbannung zu riskieren. Wenn heute irgendein Regierungskurs nicht im Sinne der Staatsreligion ist, werden die Verantwortlichen für ihre Respektlosigkeit bestraft. Der Markt droht mit Stellenabbau, Arbeitslosigkeit und einer wachsenden Einkommenskluft. Niemand darf die ultimative Allwissenheit des Marktes in Frage stellen.

Mittelsmännern, die in Psychologie als neue „Wissenschaft der Seele“ geschult sind, bedienen sich der Meinungsforschung, um nach verborgenen Fantasien, Unsicherheiten und Hoffnungen der Bevölkerung zu suchen. Der Markt kennt mittlerweile die tiefsten Geheimnisse und dunkelsten Wünsche unserer Herzen – oder zumindest wollte er sie gerne wissen.

Der Markt ist allgegenwärtig. Er informiert die Menschen über deren Sinn und Gefühle. Es scheint keinen Ausweg zu geben, um vor seinem unermüdlichen Streben zu fliehen. Er verfolgt den Menschen vom Einkaufszentrum nach Hause, bis in die Kinder- und Schlafzimmer.

Man will glauben, dass zumindest die „spirituelle“ Dimension des Lebens gegenüber dem Markt resistent sei. Aber als die Märkte für materielle Güter zunehmend übersättigt waren, erschleicht sich die Marktwirtschaft neue Bereiche. Die persönliche Sinnsuche kann mit einer Buchung von Wochenendworkshops in einem karibischen Ferienort befriedigt werden, wo man von einem sensiblen psychologischen Berater empfangen wird.

Unstimmigkeiten zwischen den traditionellen Religionen wirken im Vergleich zu den fundamentalen Unterschieden, die sie mit der Religion des Marktes haben, kleinlich. Die meisten scheinen sich damit zufrieden zu geben, dessen Diener zu werden, so wie alte heidnische Gottheiten letztlich in einem verminderten, aber sicheren Status im Christentum aufgingen. Hindu Tempel, Buddhistische Feste und Christliche Heiligenschreine können sich auf eine Reinkarnation freuen. Sie bieten zusammen mit einheimischen Kostümen und pikantem Essen eine Abwechslung zum sonst so faden Dasein.

Dabei haben traditionelle Religionen im Gegensatz zur Marktreligion unterschiedliche Sichtweisen der Natur. Im Christentum und Judentum, zum Beispiel, „gehört die Erde Gott, sowie die daraus entstehende Vielfalt, die Welt und alles, was darin lebt“. Der Schöpfer bestimmte die Menschen zu Aufsehern und Gärtnern, aber er behält den Anspruch auf die Erde. In der Marktreligion jedoch, besitzen Menschen, um genauer zu sein, solche mit Geld, alles, was sie kaufen.

Es gibt jedoch einen Wiederspruch zwischen der Marktreligion und den traditionellen Religionen, was unüberwindbar scheint. Alle traditionellen Religionen lehren, dass Menschen endliche Geschöpfe sind und dass es Grenzen für jede weltliche Unternehmung gibt. Ein japanischer Zenmeister sagte einst über seine Disziplin als er starb: „Ich habe in meinem Leben eins gelernt: wie viel genug ist“. Er würde keine Nische in der Kirche des Marktes finden, deren erste Maxime darin besteht: „Es gibt niemals genug“.

Originaltext von Harvey Cox (März 1999)